Presse

© Mannheimer Morgen, 16.5.2017

Das Portrait: Die Künstlerin Petra Lindenmeyer aus Heidelberg baut auf traditionelle Handarbeiten auf

“Nach Strich und Faden”

Von unserer Mitarbeiterin Helga Köbler-Stählin

Vorm Fenster stürmt ein heftiger Platzregen, so, wie er im Frühling nicht ungewöhnlich ist . Petra Lindenmeyer lässt sich davon nicht irritieren, obwohl “Bindfäden (regenen)” eine nette Begriffsverwandtschaft für ihre Arbeit wäre. Denn genau genommen “umgarnt” die Künstlerin mit ihren Fotografien, indem sie ihnen Handarbeiten aufnäht… 


© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 27.04.2016

KUNST: Mit „Zäsur“ widmen sich Kunstschaffende der Konversion

Krieg und Frieden in Heidelberg

Von unserem Mitarbeiter Helmuth Orpel

“Zäsur” lautet der Titel einer Ausstellung auf dem Kasernengelände in der westlichen Rheinstraße Heidelberg zu Recht. Die Kommandantenvilla und der Park sollen nämlich künftig zivil genutzt werden. Zunächst hat sich die Kunst der Stätte bemächtigt. Elf Künstlerinnen und Künstler haben Werke geschaffen, die in Korrespondenz zu dem Vorgefundenen stehen.

Im Wachhäuschen am Tor werden Besucher von der Silhouette eines Soldaten empfangen, aus Häkeldeckchen. Petra Lindenmeyer arbeitet mit solchen Materialien, die sie nicht herstellt, sondern sammelt. “Zeugnisse der verronnenen Lebenszeit von Frauen”, sieht sie darin. Die Farbigkeit unterstreicht den scheinbar friedlichen Charakter der Stätte, hinter dessen Zäune die 7. US-Armee für den Ernstfall probte, vor Augen geführt durch eine Installation von Ada Mee mit dem Titel “Emergency Drill”, wo zwei GI´s an der Fassade hochklettern.

Doppeldeutige Funktion

Um dieses Wechselspiel zwischen Zivilem und Militärischem geht es auch Initiatorin Grete Werner-Wesner mit ihren Fahnen, die im Garten wehen und auf denen gesichtslose Menschen zu sehen sind, die sich des Parks bemächtigen. Davor stehen bemooste Koffer, eine Installation von Caroline Laengerer, bei der es um die Frage geht “was uns bleibt”, wo wir doch ständig auf Achse sind. Der Koffer selbst hat in ihren Arbeiten eine doppeldeutige Funktion. Es könnte sich auch um Bombenkoffer handeln. Auch die aus Milchtüten geschaffenen Sandalen von Isabell Riederer sind sehr aussagekräftig und angesichts der Fluchtbewegungen nach Europa aktuell.

Friedlich wirken dagegen die großformatigen Gemälde von Regine Scharf. Ihre an den Impressionismus Liebermanns erinnernden Monumentalbilder spiegeln die ursprüngliche Funktion der Kommandantenvilla als Gästehaus für Offiziere wider. Ähnliche Ideen leiteten sicher auch Klaus Meyer bei seiner Installation mit dem Titel “Coming Home”, die er im ehemaligen Kaminzimmer aufgebaut hat. Anna Debora Zimmermann hat in einem anderen Zimmer eine eindrucksvolle poetische Installation geschaffen, der sie den Titel “Les Miserables” gegeben hat. Ganz losgelöst vom Gebäude haben sich Standfort Fata mit seinen Skulpturen, die geschickt Naturmaterial und künstlerische Form zu einer Synthese bringen, und Claus Meßmer, der sich mit seiner aussagekräftigen Malerei zwischen informell und Impression bewegt.


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Petra Lindenmeyers Werke decken Verletzlichkeit auf. Foto: D. Burkhardt.

BUNT BESTICKTE LEBENSGESCHICHTEN

Veröffentlicht von: ruprecht in FeuilletonStartseite 25. Januar 2016

Die Werke von Petra Lindenmeyer decken die menschliche Verletzbarkeit auf, sind jedoch gleichzeitig ein einfühlsamer Trost.

Behutsam mit Fäden verzierte Fotografien, Skizzenbücher, in denen stundenlang geblättert werden kann, zarte Spitzendecken, farbenfrohe, lebendige Gemälde an den Wänden – von lauter Kostbarkeiten umgeben sitze ich am Tisch mit der Künstlerin Petra Lindenmeyer. Unser Gespräch spannt sich von Frauenrechten bis zur Ästhetik des Romanesco-Blumenkohls. Der rote Faden: natürlich die Kunst.

Nach einer Ausbildung zur Schriftsetzerin studierte Lindenmeyer Malerei in Freiburg und Karlsruhe. Seit 1998 wohnt sie in Heidelberg. Oberflächen verschiedener Art und Textur sind wichtige Elemente ihrer Arbeiten. In ihren Künstlerbüchern stoße ich auf Bohnenhülsen, Ausschnitte aus Reklameblättern, allerlei gewohnte, jedoch unerwartete Materialien. Vor allem benutzt sie Fäden als entscheidendes Medium – sie lassen das Werk in den Raum hervordringen, verweben scheinbar Gegensätzliches zu einem Ganzen.

Lindenmeyers Arbeiten erzählen Lebensgeschichten, die wie von Fäden und Spitzen aller Arten auch von vielfältigen Perspektiven durchzogen sind. Der im Mittelpunkt stehende Mensch wird in ihnen mal nüchtern in seiner ganzen Fragilität gezeigt, mal tröstend und liebevoll beschützt. „Als Mensch wird man immer wieder angegriffen von den Widrigkeiten der Welt, man sitzt auf der Bombe“, meint Lindenmeyer. In bunten, fröhlich wirkenden Werken zeigt sich beim näheren Betrachten das kauernde Individuum, auf das sich die ungestüme Welt stürzt. Im Gegensatz dazu wird in der Serie „Pets“ der Mensch in die Rolle des Haustiers versetzt. In einer wolligen, beruhigenden Welt wird er von sanften Händen geborgen – ein Gedankenexperiment der Zärtlichkeit. „Ich finde, Kunst sollte gleichzeitig auch ein wenig das Träumen ermöglichen“, sagt Lindenmeyer. So setzt sich ihre Kunst kontinuierlich mit dem Konflikt zwischen rigiden gesellschaftlichen Rollenmustern und Individuum, mit dem Feintuning zwischen Offenheit und Verletzbarkeit auseinander.

Berührt von Herta Müllers Roman „Atemschaukel“, der um die Erlebnisse eines Jungen im KZ kreist, griff Lindenmeyer auch das Spitzentaschentuch als Material auf und fertigte ein spannungsreiches Künstlerbuch an. „Kritische Themen ästhetisch zu verpacken, damit sie erträglicher und zugänglicher werden, ist eine wichtige Funktion der Kunst“, meint sie.

Lindenmeyer ist engagiertes Mitglied des Künstlerinnenverbands GEDOK und des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler. Auch für die Kultur der Heidelberger Südstadt setzt sie sich ein. Dieses Jahr wirkt sie an dem Projekt „Zäsur“ mit, das den Park und das Eddyhaus in der Rheinstraße „zivil machen“ soll. Mit welchen feinfühligen, augenzwinkernden Sujets sie die Strenge des ehemaligen Militärgebäudes außer Gefecht setzen wird, bleibt gespannt abzuwarten.

von Marie Jin Oehmann



Ausstellung „Künstlerinnen Bücher“ in der GEDOK Galerie bis 20.2.2016

Römerstraße 22, 69115 Heidelberg   http://www.gedok-heidelberg.de

Ganz im Sinne des spartenübergreifenden Kunstverständnisses steht die erste Ausstellung der Heidelberger GEDOK-Künstlerinnen in diesem Jahr:

Zu sehen sind Originale, teilweise in kleiner Auflage reproduzierte Kunstobjekte voller Überraschungen, welche die Galeriebesucher nun blätternd entdecken dürfen.

In seiner Einführung zur Vernissage schlug Manfred Metzner, Verleger des Heidelberger Wunderhorn-Verlages, einen großen kunstgeschichtlichen Bogen von mittelalterlicher Buchkunst zu den Dadaisten und Surrealisten, von Meret Oppenheimer zu Dieter Roth.

Bis zu zeitgenössischen Künstlern wie Thorben Sinning, der vor kurzem ein Fotobuch für den Verlag „Das Wunderhorn“ mit einer je einzeln beschrifteten Seite gestaltete. Dabei sei es für Verlage zunehmend schwieriger, Buchbindereien zu finden, da diese Handwerkskunst immer seltener gefragt und angeboten werde.

Im Gespräch stellten die Künstlerinnen dann ihre Arbeitsweise und Werke vor:

Raingard Tausch und Sehriban Köksal-Kurt werden vom Material inspiriert, Draht, Haare, besondere Papiere machen das Blättern zu einem haptischen Erlebnis.

Christiane von Götz übermalt Bücher mit Skizzen und nennt sie ihre Versuchsbücher. Eva-Claudia Nuovia bezeichnet sich als Hörkünstlerin, sie zeichnet bei Konzerten die gehörte Musik in ihren grafischen farbigen Notationen mit.

Mit eigenen und „fremden“ Texten setzten sich Angelika Karoly, Parvati Kern, Petra Lindenmeyer und Isolde Ott auseinander, geben den Wörtern Raum.

In der Ausstellung sind auch Bücher und Gedichte der Literatinnen Elisabeth Lichter, Gerhild Michel und Sonja Viola Senghaus zu sehen. Diese werden am 22.1. um 19 Uhr in der Galerie einen lyrisch-musikalischen Abend zum Thema „Winter“ gestalten.